Wrekmeister
Harmonies - The Alone Rush
13.04.2018 | Doom, Folk, Drone
Vinyl, CD, Digital | Thrill Jockey Records
1. A 300 Year Old Slit Throat
2. Descent Into Blindness
3. Behold! The Final Scream
4. Covered In Blood From Invisible Wounds
5. Forgive Yourself And Let Go
6. The Alone Rush
13.04.2018 | Doom, Folk, Drone
Vinyl, CD, Digital | Thrill Jockey Records
1. A 300 Year Old Slit Throat
2. Descent Into Blindness
3. Behold! The Final Scream
4. Covered In Blood From Invisible Wounds
5. Forgive Yourself And Let Go
6. The Alone Rush
Minimalismus
hat schon etwas für sich. Das Frontcover des neuen Albums zeigt
nicht viel. Es sind gedeckte, dunkle Farben zu sehen, ein einfach
gehaltener Schriftzug sowie ein Foto, welches das Duo J.R. Robinson
und Esther Shaw zeigt. Gerade die Fotografie ist es, die ich als so
spannend und vielsagend wahrnehme, obwohl sie eigentlich kaum etwas
verrät. Dafür bietet sie umso mehr Interpretationsspielraum. Es ist
der Blick von Robinson, wie er von oben rechts, den Kopf leicht
geneigt, hinunter zu Shaw schaut, der mich fasziniert. In seiner
Haltung und in seinem Blick liegt etwas Offenes und Verletzliches,
gleichzeitig aber auch eine in sich ruhende Kraft, so als wäre er
mit sich im Reinen. Das ist natürlich meine Interpretation und hat
wahrscheinlich nichts mit der Realität zu tun, aber das muss es auch
gar nicht. Die Aufgabe von Musik ist es doch zu berühren, Geist und
Herz zu öffnen, und das gelingt bereits mit diesem schlichten Cover.
Für die
Aufnahmen und Vorbereitungen zu „The Alone Rush“ zogen sich
Robinson und Shaw zwei Jahre aus Chicago in die am Pazifik liegende
Kleinstadt Astoria zurück. Das Duo musste sich von dem Tod einer
nahestehenden Person und von der Erschöpfung, die das Pflegen eines
chronisch kranken Angehörigen mit sich bringt, erholen. In Astoria
wurden seelische Wunden geheilt und es wurde komponiert.
Dabei
herausgekommen ist „The Alone Rush“, welches, was für
WREKMEISTER HARMONIES typisch ist, von der Literatur inspiriert
wurde. Unter anderem stand der britische Journalist und Autor George
Monbiot Pate, dessen Essay „The age of loneliness is killing us“
bei den Musikern Anklang fand. Es geht dort um soziale Isolation und
wie lebensverkürzend sie wirkt. Aber auch der anrührende Roman
„Lincoln in the Bardo“ von George Saunders ist Quell und
Gegenstand des Albums. Saunders erzählt dort die Geschichte von
Abraham Lincoln, der am Grab seines elfjährigen Sohnes steht, der
sich im buddhistischen Bardo, einer Übergangswelt zwischen
Wiedergeburt und Tod, befindet.
Man könnte
„The Alone Rush“ vielleicht als Trauerbewältigung verstehen.
Jedenfalls ist das neue Album ein sehr ruhiges geworden. Wenn man es
mit seinem Vorgänger „Light Falls“ vergleicht, ist vom Doom kaum
etwas geblieben. „The Alone Rush“ ist vielmehr ein weitgehend
akustisches Werk, welches durch die natürlichen Instrumente und
Robinsons sonorer Gesangsstimme besticht. Schwere, verzerrte
Gitarren, wie sie vor zwei Jahren immer wieder mal zu hören waren,
sind kaum noch vorhanden. Allerdings gibt es hin und wieder
Kontraspunkte, dann werden WREKMEISTER HARMONIES mal kurz laut,
mitunter auch drückend oder disharmonisch und lärmend.
Durch
diesen selten gewordenen Spannungspitzen geht einerseits ein Teil der
spezielle Spannung von „Light Falls“ verloren, andererseits wird
eine neue Intimität erschaffen, wie man sie von der Kammermusik her
kennt, woran Klarinette und Violine nicht ganz unschuldig sind. „The
Alone Rush“ ist in weiten Teilen tieftraurige Musik. Es ist eine
besondere Form der Traurigkeit, eine, die das Unvermeidbare
akzeptiert, eine, die nicht hoffnungslos ist sondern sie als ein Teil
des Lebens versteht. Dadurch kann auch etwas besonders Schönes
entstehen, wie WREKMEISTER HARMONIES hier eindringlich zeigen.
Trotz aller
Elegie und ruhender Schwere ist „The Alone Rush“ ein wunderbar
arrangiertes und komplexes Werk mit vielen kleinen Details. Bereits
„Light Falls“ haute mich damals um, und „The Alone Rush“
steht dem in nichts nach, auch wenn es ein wenig anders, nämlich
zurückhaltender, ist.
Am 15. Mai
sind die übrigens im Berliner Urban Spree zu hören und sehen.
