Posts mit dem Label Wrekmeister Harmonies werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Wrekmeister Harmonies werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Dienstag, 10. April 2018

Wrekmeister Harmonies - The Alone Rush

Wrekmeister Harmonies - The Alone Rush
Wrekmeister Harmonies - The Alone Rush
13.04.2018 | Doom, Folk, Drone
Vinyl, CD, Digital | Thrill Jockey Records

1. A 300 Year Old Slit Throat
2. Descent Into Blindness
3. Behold! The Final Scream
4. Covered In Blood From Invisible Wounds
5. Forgive Yourself And Let Go
6. The Alone Rush



Minimalismus hat schon etwas für sich. Das Frontcover des neuen Albums zeigt nicht viel. Es sind gedeckte, dunkle Farben zu sehen, ein einfach gehaltener Schriftzug sowie ein Foto, welches das Duo J.R. Robinson und Esther Shaw zeigt. Gerade die Fotografie ist es, die ich als so spannend und vielsagend wahrnehme, obwohl sie eigentlich kaum etwas verrät. Dafür bietet sie umso mehr Interpretationsspielraum. Es ist der Blick von Robinson, wie er von oben rechts, den Kopf leicht geneigt, hinunter zu Shaw schaut, der mich fasziniert. In seiner Haltung und in seinem Blick liegt etwas Offenes und Verletzliches, gleichzeitig aber auch eine in sich ruhende Kraft, so als wäre er mit sich im Reinen. Das ist natürlich meine Interpretation und hat wahrscheinlich nichts mit der Realität zu tun, aber das muss es auch gar nicht. Die Aufgabe von Musik ist es doch zu berühren, Geist und Herz zu öffnen, und das gelingt bereits mit diesem schlichten Cover.


Für die Aufnahmen und Vorbereitungen zu „The Alone Rush“ zogen sich Robinson und Shaw zwei Jahre aus Chicago in die am Pazifik liegende Kleinstadt Astoria zurück. Das Duo musste sich von dem Tod einer nahestehenden Person und von der Erschöpfung, die das Pflegen eines chronisch kranken Angehörigen mit sich bringt, erholen. In Astoria wurden seelische Wunden geheilt und es wurde komponiert.


Dabei herausgekommen ist „The Alone Rush“, welches, was für WREKMEISTER HARMONIES typisch ist, von der Literatur inspiriert wurde. Unter anderem stand der britische Journalist und Autor George Monbiot Pate, dessen Essay „The age of loneliness is killing us“ bei den Musikern Anklang fand. Es geht dort um soziale Isolation und wie lebensverkürzend sie wirkt. Aber auch der anrührende Roman „Lincoln in the Bardo“ von George Saunders ist Quell und Gegenstand des Albums. Saunders erzählt dort die Geschichte von Abraham Lincoln, der am Grab seines elfjährigen Sohnes steht, der sich im buddhistischen Bardo, einer Übergangswelt zwischen Wiedergeburt und Tod, befindet.


Man könnte „The Alone Rush“ vielleicht als Trauerbewältigung verstehen. Jedenfalls ist das neue Album ein sehr ruhiges geworden. Wenn man es mit seinem Vorgänger „Light Falls“ vergleicht, ist vom Doom kaum etwas geblieben. „The Alone Rush“ ist vielmehr ein weitgehend akustisches Werk, welches durch die natürlichen Instrumente und Robinsons sonorer Gesangsstimme besticht. Schwere, verzerrte Gitarren, wie sie vor zwei Jahren immer wieder mal zu hören waren, sind kaum noch vorhanden. Allerdings gibt es hin und wieder Kontraspunkte, dann werden WREKMEISTER HARMONIES mal kurz laut, mitunter auch drückend oder disharmonisch und lärmend.


Durch diesen selten gewordenen Spannungspitzen geht einerseits ein Teil der spezielle Spannung von „Light Falls“ verloren, andererseits wird eine neue Intimität erschaffen, wie man sie von der Kammermusik her kennt, woran Klarinette und Violine nicht ganz unschuldig sind. „The Alone Rush“ ist in weiten Teilen tieftraurige Musik. Es ist eine besondere Form der Traurigkeit, eine, die das Unvermeidbare akzeptiert, eine, die nicht hoffnungslos ist sondern sie als ein Teil des Lebens versteht. Dadurch kann auch etwas besonders Schönes entstehen, wie WREKMEISTER HARMONIES hier eindringlich zeigen.


Trotz aller Elegie und ruhender Schwere ist „The Alone Rush“ ein wunderbar arrangiertes und komplexes Werk mit vielen kleinen Details. Bereits „Light Falls“ haute mich damals um, und „The Alone Rush“ steht dem in nichts nach, auch wenn es ein wenig anders, nämlich zurückhaltender, ist.


Am 15. Mai sind die übrigens im Berliner Urban Spree zu hören und sehen.

Mittwoch, 19. Oktober 2016

Wrekmeister Harmonies - Light Falls

Wrekmeister Harmonies - Light Falls
Wrekmeister Harmonies - Light Falls
2016 | Doom, Folk, Drone
Vinyl / CD / Digital | Thrill Jockey Records


1. Light Falls I - The Mantra
2. Light Falls II - The Light Burns Us All
3. Light Falls III - Light Sick
4. The Gathering
5. Where Have You Been My Lovely Son?
6. Some Were Saves Some Drowned
7. My Lovely Son Reprise

J.R. Robinson - Gitarre, Gesang
Esther Shaw - Piano, Keyboards, Violine, Stimme
Thierry Amar - Bass, Kontrabass
Timothy Herzog – Schlagzeug
Sophie Trudeau - Violine, Gesang, Hammond Orgel B3




Hinter WREKMEISTER HARMONIES stehen J.R. Robinson und Esther Shaw, die den Kern der Klanggemeinschaft aus wechselnden und teils sehr namhaften Musikern darstellen. Fest unterstützt wurden sie diesmal von den drei GODSPEED YOU! BLACK EMPEROR Musikern Thierry Amar, Timothy Herzog sowie Sophie Trudeau. Darüber sind als Gastmusiker der amerikanische Liedermacher Ryley Walker sowie Cooper Crain von CAVE zu hören.


Auf dem neuen Album „Light Falls“ beschäftigt sich Robinson mit Primo Levi, einem Überlebenden des KZ Auschwitz, der seine Erlebnisse in dem Buch „Ist das ein Mensch?“ niederschrieb. Auf dieses Buch im Allgemeinen und auf das dortige Eröffnungsgedicht im Besonderen, bezieht sich Robinson mit „Light Falls“. Ein schweres Thema, dessen angemessene musikalische Darstellung sicherlich nicht leicht ist.


Am Anfang steht „Light Falls I - The Mantra“, wo Robinson sehr ruhig, fast schon flüsternd, ein paar Verse vorträgt, die von Hammond Orgel, Piano und Violinen begleitet werden. Das Stück ist gemessen an seiner Länge relativ textarm, was sich gerade zum Ende hin zu einer schamanischen, mystischen und beschwörenden Atmosphäre verdichtet. Dies liegt hauptsächlich an den flackernden und kratzenden Violinen, deren Melodien und Töne wie schemenhafte Flüsterstimmen und Klagelaute aus dem Wind klingen. Das Stück ist einerseits zurückhaltend und monoton, andererseits aber auch lebendig und dynamisch. Diese Intensität und tiefgreifende Dramatik wird ins nahtlos nachfolgende „Light Falls II - The Light Burns Us All“ mitgenommen - die Übergänge zwischen den sieben Titeln vollziehen sich stets lautlos.


Im zweiten Lied geht es insgesamt kraftvoller und lauter zu, einfach weil nun auch Gitarren, Bass und Schlagzeug hinzu gekommen sind, und sich die nun im Doom angekommene Musik druckvoller und mächtiger auftürmt. Die musikalische Einordnung von „Light Falls“ ist schwierig zu machen, so vielfältig sind die unterschiedlichen Einflüsse und Elemente. Robinson selbst spricht von „pastoralem Doom“, was durchaus passend ist. Doch auch Ambient, Drone, Folk, Neo Klassik und verschiedenste Schnipsel aus der Rockmusik kann man wahrnehmen. Was sich vielleicht überfrachtet und kompliziert liest, hört sich aber als Endergebnis erstaunlich stimmig und harmonisch an.


Light Falls“ ist insgesamt betrachtet ein ruhiges Album, es ist ein Werk welches angemessen mit dem Erbe und den Erlebnissen von Primo Levi umgeht. WREKMEISTER HARMONIES verzichteten auf Effekthascherei, was unter anderem auch dazu führte, dass sich die Kontraste, Spannungsbögen und Gegensätze eher unauffällig und im Kleinen abspielen. Trotz eines dezidiert gedämpften Auftretens gibt es aber auch packende und energetische Parts. Als vorbildlich möchte ich an dieser Stelle „The Gathering“ nennen. Das Lied fällt durch eine wunderbare Dramatik und Tiefe auf. Die Instrumente formen hier, angeführt von Piano, Violinen und erschütternden Gitarren, eine intensive Spannungskurve, deren Wirkungsmächtigkeit kaum ergreifender sein könnte. Sowohl die grandiose Orchestrierung als auch das Songwriting sind atemberaubend. So sollte schwere Instrumentalmusik klingen!


WREKMEISTER HARMONIES haben mit „Light Falls“ ein grandioses Werk ernsthafter und polymorpher Musik geschaffen. Ruhige Klänge sind nicht gleich ruhige Klänge. Zu keinem Zeitpunkt kommen Langeweile oder Langatmigkeit auf, stattdessen gibt es überraschende Facetten und Variationen von Melancholie. In „Where Have You Been My Lovely Son?“ erinnert mich Robinson mit seiner ruhigen und sonoren Stimme ein wenig an Lieder und Künstler wie „Hurt“ von Johnny Cash oder „Waiting For The Miracle“ von Leonard Cohen.


Light Falls“ ist dunkle Musik, die hervorragend und vielfältig arrangiert wurde und ohne Übertreibungen und Klischees auskommt. Es ist ein Werk voller Ehrfurcht und Tiefgang.


WREKMEISTER HARMONIES sind am 30. November in Berlin im Urban Spree und am 8. Dezember auf dem MS Stubnitz in Hamburg zu sehen und hören.